„Draußen kam ich gar nicht mehr klar“

Wer arbeitet eigentlich so in unserem Verein – vor allem hinter Gittern? Welche Geschichte haben unsere ehrenamtlichen Mitarbeiter und was hat sie dazu bewegt, sich ehrenamtlich in unserem Verein zu engagieren?
Heute wollen wir euch Marc* vorstellen, der unsere Projekte ehrenamtlich in der JVA Hannover unterstützt. Viel Spaß beim Lesen 🙂

 

Eigentlich habe er eine schöne Jugend gehabt. Er sei in einem guten Elternhaus großgeworden, habe eine Ausbildung zum KfZ-Mechaniker absolviert und immer gute Noten gehabt. „Ich hätte sogar Abitur machen können“, sagt er rückblickend. „Mit sechs Jahren habe ich außerdem angefangen, Kampfsport zu machen. Bis zu meinem 20. Lebensjahr.“

Doch mit dem 20. Lebensjahr kam auch der Wendepunkt in seinem Leben – die erste Haftstrafe des heute 41-jährigen Häftlings und ehrenamtlichen Mitarbeiters Marc*.

„Mein Vater war Soldat und kam aus einem Einsatz zurück. Wir hatten uns zwei Jahre nicht gesehen. Ich selbst war zwischenzeitlich Vater geworden und wir wollten uns nach der ganzen Zeit mal wiedersehen und uns austauschen.“

Schlägerei in einer Kneipe

In einer Kneipe habe er sich schließlich mit seinem Vater getroffen. „Irgendwann kamen zwei Mädels auf uns zu. Wir haben uns die ganze Zeit unterhalten, der einen bin ich dann irgendwann auf die Toilette gefolgt. Es lief aber nichts, denn ich erfuhr, dass sie einen Freund hatte, der ebenfalls in der Kneipe war und dass sie ihn nur eifersüchtig machen wollte.“

Als er wieder aus der Toilette kam, ging plötzlich alles ganz schnell. „Es hatte den Anschein, als sei da etwas gelaufen. Ihr Freund kam sofort auf mich zu und hat mir eine reingehauen. Natürlich war er nicht alleine, sondern hatte noch einige Leute dabei.“

Es entwickelte sich eine große Schlägerei. „Und dann ist alles komplett aus dem Ruder gelaufen. Einer von denen hatte eine Waffe dabei und auf meinen Vater geschossen. In dem Moment sind mir die Sicherungen durchgebrannt.“

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Schwere Körperverletzung mit Todesfolge

Der komplette Tathergang sei ihm nicht mehr bekannt. Er sei drei Tage später selber mit vielen Verletzungen im Krankenhaus wieder zu Bewusstsein gekommen. „Ich bin wachgeworden mit Handschellen am Bett. Ich war komplett fixiert und konnte mich nicht bewegen. Die Ärzte und Krankenschwestern konnten mich nicht einschätzen. Da erfuhr ich, dass ich in der Tatnacht jemanden umgebracht hatte.“

Schwere Körperverletzung mit Todesfolge lautete sein anschließendes Urteil. 14 Jahre und neun Monate sollte er absitzen. Nach insgesamt 13 Jahren wurde er wieder aus der JVA entlassen. Doch er habe große Schwierigkeiten gehabt, sich wieder in der Freiheit zurechtzufinden. „Draußen kam ich gar nicht mehr klar. Das ging überhaupt nicht mehr gut. Ich wollte zurück in den Knast.“

„Man ist der Gesellschaft völlig entfremdet“

„Nach so einer langen Zeit im Knast ist man der Gesellschaft völlig entfremdet. Es ist niemand mehr für dich da, wenn etwas ist. Es ist auch keiner da, der dich wieder in die Gesellschaft integriert. Was ist mit Dingen wie Wohnungssuche oder Job nach dem Knast?“

Wenige Monate später sei er wieder inhaftiert worden. „Dieses Mal auf freiwilliger Basis, ich beging ein paar Diebstähle und konsumierte Drogen.“

Unbehagen vor der ungewissen Zukunft

Nächstes Jahr soll er nach abgesessener Haftstrafe entlassen werden. „Ich blicke dem aber ein wenig ängstlich entgegen. Ich habe einfach Angst, dass es nicht mehr funktionieren könnte draußen. Ich möchte eine Wohnung finden und eine Therapie machen. Insgesamt habe ich sehr hohe Ansprüche an mich und habe das Bedürfnis, alles im Griff haben zu wollen. Außerdem möchte ich auch wieder den Kontakt zu meinen Kindern.“

Diese seien auch ein Grund für ihn gewesen, sich an der Projektarbeit von Gefangene helfen Jugendlichen zu beteiligen. „Ich habe einen 22-jährigen Sohn und eine 16-jährige Tochter. Die Jugendlichen, mit denen wir arbeiten, sind in einem ähnlichen Alter. Und ich möchte etwas bei ihnen bewirken. Denn an ihnen geht unsere Arbeit nämlich nicht spurlos vorbei. Ich sehe meine Aufgabe aber auch als eine Wiedergutmachung für die Gesellschaft.“

„Länger als fünf Jahre hält das keiner aus“

In der Arbeit mit Jugendlichen sei er schon sehr erfahren, und er möchte ihnen vor allem klarmachen: „Länger als fünf Jahre wird es sowieso keiner von ihnen im Knast aushalten. Eines Tages kommt der Zeitpunkt, an dem sie gezwungen sind, über alles nachzudenken. Spätestens dann, wenn sie selber vor dem Richter stehen.“



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