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„Ich habe gemerkt, dass wir jetzt noch eine Chance im Leben haben“

Wie erleben Jugendliche, die an unseren Projekten teilnehmen, eigentlich unsere Besuche in der JVA? Was denken und fühlen sie, wenn sie mit Strafgefangenen im Stuhlkreis sitzen und über ihren bisherigen kriminellen Werdegang sprechen oder in eine leere Zelle eingeschlossen werden? Wie nehmen BetreuerInnen, die mit den Jugendlichen zusammenarbeiten, diese wahr und welche Erfahrungen können nach dem Projekt festgehalten werden?
Eine Jugendgruppe des AWO Kreisverband Rotenburg/Wümme e.V. hat an unserem JVA-Projekttag in Santa Fu teilgenommen. Welche Eindrücke geblieben sind und wie sie das Projekt erlebten, können Sie im Folgenden nachlesen.

 

 

Wenn delinquente Jugendliche im Rahmen unserer Projekttage zum ersten Mal eine JVA besuchen, zeigen sich viele von ihnen zunächst cool. Dass es im Knast allerdings alles andere als cool zugeht, zeigt sich spätestens einige Stunden später, was sich auch bei den Jugendlichen bemerkbar macht.

„Zu Beginn waren alle unruhig und laut. Im Verlauf von der Vorbereitung über den Haupttermin zur Nachbereitung haben die Jugendlichen die Ernsthaftigkeit der Lage immer mehr erfasst“, berichtet Marisa Schwarz der AWO Zeven, die den Projekttag als eine von drei Betreuerinnen der Jugendlichen begleitet hat.

„Einige der Jugendlichen wurden beim Erzählen ihres Erlebten sehr emotional“

Dabei sei insbesondere der positive Verlauf aufgefallen. „Es war überraschend, dass sich die Gruppe im Laufe der Zeit so entwickelt hat, sodass einige sehr ehrlich sein und Emotionen zeigen konnten.“

Auch Jugendliche, die sonst schwer zu erreichen seien, haben sich während des Projektes von GhJ öffnen können. „So wurden vor der Gruppe persönliche Lebensereignisse offen angesprochen, die auch uns als Betreuerinnen teilweise noch neu waren. Diese Offenheit der Jugendlichen, aber auch das respektvolle Umgehen miteinander, sind sehr positive Erfahrungen, die die Jugendlichen durch die Teilnahme an diesem Projekt mitnehmen. Einige der Jugendlichen wurden beim Erzählen ihres Erlebten sehr emotional, was im gesamten Raum spürbar war.“

Emotionen zuzulassen ist für viele Jugendliche, die sich gerne cool geben, ein wichtiges Thema. „Ich habe gelernt, dass es okay ist, Emotionen und Gefühle zeigen zu können“, erklärt ein Jugendlicher nach dem Projekt.

„Der Besuch und die Gespräche haben mir die Augen geöffnet“

Während des JVA Projekttages seien insbesondere die Begegnungen mit den Häftlingen von großer Bedeutung für die Jugendlichen gewesen. „Vor allem die Gespräche mit den Gefangenen über Themen wie Familie und Beziehungen regten die meisten zum Denken an“, erklärt die Betreuerin. „Ihnen war nicht bewusst, was sie ihrer Familie damit zumuten würden, würden sie tatsächlich ins Gefängnis kommen. Auch wen sie alles damit belasten, außer dem Opfer selbst, wurde ihnen deutlich gemacht.“
Das bestätigt auch die Aussage eines Jugendlichen: „Der Besuch und die Gespräche haben mir die Augen geöffnet, etwas aus meinem Leben zu machen und nicht nur rumzusitzen oder Scheiße zu bauen.“

Die Gespräche mit den Häftlingen zeichnen sich nicht nur durch deren Authentizität aus, sondern auch dadurch, dass sie die Jugendlichen durch ihre oftmals sehr ähnlichen Biografien auch schneller und besser erreichen können.

„Beim Zuhören war es wie ein Film in meinem Kopf“

Wenn Häftlinge von ihrer Vergangenheit und ihrem Leben erzählen, finden sie oft auf eine besondere Art und Weise Zugang zu den Jugendlichen: „Als die Gefangenen ihre Geschichten erzählten, war ich geschockt. Beim Zuhören war es wie ein Film in meinem Kopf“, schildert ein weiterer Jugendlicher.

Dabei schaffen es die Gefangenen nicht nur, die Jugendlichen zum Nachdenken über ihren bisherigen und weiteren Werdegang anzuregen, sondern auch, sich in die Lage hineinzuversetzen, wie es wäre, ebenfalls inhaftiert zu sein und Jahre seines Lebens im Knast verbringen zu müssen, wenn sie weiterhin Scheiße bauen. Was das bedeuten könnte, resümiert ein Jugendlicher: „Als die Gefangenen ihre Geschichten erzählten, habe ich darüber nachgedacht, dass meine Mutter auch sterben könnte, wenn ich im Knast sitzen würde. Das fand ich echt heftig bzw. traurig.“

„Ich habe mich gefühlt wie ein Haufen Elend“

Aber auch das Einschließen der Jugendlichen in die Zellen und die Vorstellung, was Einzelhaft bedeuten kann, habe die Jugendlichen sensibilisiert. „In der Zelle habe ich mich gefühlt wie ein Haufen Elend“, erzählt ein Jugendlicher.
Ein anderer schildert: „Die Minuten Einschluss in der Zelle fühlten sich an wie drei Stunden.“

Dadurch haben die Jugendlichen auch zu spüren bekommen, was es heißt, fremdbestimmt zu leben und über keine Selbstbestimmung mehr zu verfügen. „Einige Jugendliche konnten damit nur schlecht umgehen, da sie dies so nicht kennen“, erklärt Marisa Schwarz.

Jugendliche wurden für mögliche Konsequenzen ihres Handelns sensibilisiert

Was Knast wirklich bedeutet, konnten die Jugendlichen für wenige Stunden selbst erfahren. Durch den JVA-Projekttag sind sie für mögliche negative Konsequenzen ihres Handelns sensibilisiert und zum Nachdenken angeregt worden.

Ist das Scheißebauen es wirklich wert, Jahre des eigenen Lebens hinter Gittern zu verbringen? Lohnen sich wenige Stunden Adrenalin für viele Jahre Knast mit Schwerverbrechern wie Vergewaltigern, Mördern oder Totschlägern?

Was tut man nicht nur sich selbst, sondern auch seinem Umfeld, der Familie oder Partnerin an?
Mit welchen Gefühlen hat man zu kämpfen, wenn man fünf, acht, zehn oder zwanzig Jahre im Gefängnis sitzt?

Einzelhaft, Isolation und Einsamkeit oder Chancen nutzen?

Dass Knast nicht cool ist, haben die Jugendlichen an ihrem eigenen Leib zu spüren bekommen. In die Lage eines Inhaftierten konnten sie sich hineinversetzen und einen Tag dort verbringen, wo andere Jahre bleiben müssen. Acht Quadratmeter Einzelhaft, harte Regeln, Fremdbestimmtheit, Einsamkeit, Isolation.

Aber dass es auch anders gehen kann, ist einigen von ihnen schon nach dem Projekttag bewusst geworden: „Ich habe gemerkt, dass wir jetzt noch eine Chance im Leben haben, die wir nutzen sollten.“

 

Vielen Dank an die Jugendlichen und ihren Betreuerinnen für die Schilderung der Erfahrungen und dass wir diese hier veröffentlichen dürfen.



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